„Ich glaube, Jesus wäre Schiri geworden“

Simone Paganini - Theologe und Fußballfan (c) Vandory
Simone Paganini - Theologe und Fußballfan
Datum:
Fr. 5. Juli 2024
Von:
Stabsabteilung Kommunikation

Ist Fußball eine Religion? Der Bibelwissenschaftler Simone Paganini erkennt eine heilbringende Dimension. Mit Blick auf die Liturgie hat der Sport nicht nur mit Religion, sondern auch viel mit Kirche zu tun.

Aachen. Was hat der Fußball-Weltverband von der Katholischen Kirche gelernt? War Diego Maradonas entscheidendes WM-Tor gegen England göttliche Intervention? Und ist  Fußball womöglich sogar eine Religion? Dies sind nur einige der Fragen, auf die der Aachener Bibelwissenschaftler Dr. Simone Paganini (RWTH Aachen) im Interview mit der KirchenZeitung für das Bistum Antworten hat.

„Ich kenne genug Menschen, die für den Sonntag leben. Nicht, weil sie zur Kirche gehen. Viele Menschen leben auf das Spiel hin. Es gibt Prozessionen mit den Fahnen und den Farben bis zum Stadion, wo der Gottesdienst stattfindet. Es gibt auf der strukturellen Ebene viele solcher Parallelen“, spricht Paganini dem Fußball eine Bedeutung zu, die noch vor einigen Generationen die Religion hatte. „Es gibt nicht nur eine Definition für Religion – und gleich mehrere passen. Religion kann als ein System definiert werden mit klaren Werten und Regeln – das passt zum Fußball. Religion und Fußball haben beide auch eine praktische Dimension: Sie führen Menschen zusammen, schaffen Gemeinschaften. Es gibt zudem eine spirituelle Dimension. Erkenntnisse der Hirnforschung zeigen: Sex und Gebet stimulieren die gleichen Areale im Gehirn. Ob Mystik oder Jubel nach einem Fußballtor im Stadion: Beides kann Orgasmus-Qualitäten haben“, erklärt der Wissenschaftler, Fußballfan und ehemaliger Schiedsrichter.

Fußball habe für die Fans auch eine heilbringende Dimension, eine  Erlösungsfunktion. „Für manche Religionen gibt es Transzendenz in eine Welt danach. Bei anderen Religionen ist eine Erlösung in dieser Welt möglich. Fußball bietet so eine Erlösung, wenn die eigene Mannschaft gewinnt. Das Theater, das Fans dann machen, das ist eine Form von Erlösung, das Realisieren des eigenen Wesens.

Zur Person
Simone Paganini ist AC-Milan-Fan und Professor an der RWTH Aachen University (Lehr- und Forschungsgebiet Biblische Theologie). Der 51-Jährige ist verheiratet und hat drei Kinder. Als Jugendlicher und während seiner Studienzeit stand er als Schiedsrichter auf dem Fußballplatz.

Lesen Sie mehr in der Schwerpunktausgabe der Kirchenzeitung zur Fußball-Europameisterschaft.