Ansprache von Christoph Simonsen zum 14. Sonntag im Jahreskreis (B)

Datum:
So. 7. Juli 2024
Von:
Ursula Fabry-Roelofsen

Evangelium nach Markus (Mk 6,1-6)

Von dort brach Jesus auf und kam in seine Heimatstadt; seine Jünger folgten ihm nach. Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist? Und was sind das für Machttaten, die durch ihn geschehen? Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie. Und er konnte dort keine Machttat tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.

 

Ansprache:

„Hurra, die Schule brennt“. Manche kennen sicher noch den Pennäler Film mit Heintje, Peter Alexander, Theo Lingen und Hansi Kraus. Ende der 1960iger Jahre lief er in den Kinos. Mir kam er letztens wieder in Erinnerung bei einem der Abiturgottesdienste, die ich mitfeiern durfte, und ich dachte so bei mir, solch eine chaotisch lustige Schulzeit war mir leider nicht vergönnt.

 

Aber nun beginnen die Ferien für viele Schüler*innen und Lehrer*innen; und Ferienzeit ist – oder sollte zumindest – eine Zeit der Leichtigkeit sein. Ich wünsche uns für die kommenden Wochen Augenblicke der Leichtigkeit und der Unbeschwertheit. Auch wenn wir keine Schüler*innen mehr sind, Lernende bleiben wir doch ein Leben lang.

 

Leider führen uns die heutigen Texte nicht an den Strand oder in die Berge, oder zumindest in den Garten oder eine Eisdiele, sondern mitten hinein in unsere Wirklichkeit.

 

Es ist offensichtlich, die Zeit Jesu und auch unsere Zeit heute sind durchaus vergleichbar. Das Leben ist leider nicht leicht; Augenblicke der Leichtigkeit müssen wir uns abringen. Die Kunst besteht wohl darin, trotz der Realitäten, in denen wir leben, und die wir – zumindest zum Teil – auch selbst mitzuverantworten haben, sich Augenblicke der Entspannung und des Wohlseins abzuringen. Dies wünsche ich uns für die kommenden Wochen, dass wir uns nicht vor der Wirklichkeit davonschleichen, und uns dennoch – oder gerade deshalb – Zeiten des Krafttankens gönnen, denn die brauchen wir: Kraft, uns lebendig und wach zu halten, um uns gegen die Vielschichtigkeit von Unrecht und Unmenschlichkeit zu behaupten und ihnen etwas entgegenzusetzen.

 

Eine Erfahrung steht heute im Mittelpunkt der Schrifttexte, die uns heute vorgelegt werden:

 

Mag einer die Menschen verstehen.

Die Menschen zur Zeit Jesu: Sie staunen über die klugen und bereichernden Worte, die Jesus zu ihnen spricht; sie bewundern seine Taten, die so menschlich zugewandt sind; und trotzdem halten sie ihn für einen Spinner. Sie sind gefangen in ihren Vorurteilen und  leiten daraus Vor-Verurteilungen ab: ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Übersetzt: Kann der Sohn eines einfachen Arbeiters, so klug, so menschlich, so weise sein? Kann ein Kind aus einfachen Verhältnissen auf so eindrückliche Weise Gott nahe bringen? Kann ein Mensch aus der Arbeiterklasse so selbstbewusst und sicher auftreten? Zweifelsohne Fragen, die ich auch an unser Schulsystem stellen könnte: Kann ein Kind mit einem erreichten Hauptschulabschluss ebenso ein weiser und kluger Mensch sein wie Abiturient?

 

Mag einer die Menschen verstehen heute.

Ich verstehe sie nicht mehr: Die Menschen, die in der Kirche die Richtung vorgeben. Die ihre Vorurteile mit allen Mitteln ihrer Macht aufrecht erhalten; die den Ruf der Frauen nach einer gleichberechtigten Anerkennung hören und doch überhören. Die die Austrittszahlen schwarz auf weiß vor sich haben und sie sich schönreden. In diesem Jahr seien es doch schon weniger als im vergangenen Jahr: nur etwas mehr als 400.000, wo es doch im letzten Jahr hoch über 500.000 waren. Sollte nicht jeder Austritt ein Warnsignal sein? Und vergessen wir die Vielen nicht, die zwar formal bleiben, sich aber innerlich zurückgezogen haben.

Aber wie dem auch sei, die Verantwortlichen ruhen sich auf ihrem Brokatkissen aus und geben sich mit dem Heiligen Rest zufrieden, anstatt sich selbst etwas realistischer in Frage zu stellen. Abitur und Hochschulabschluss sind kein Maßstab für kluges Reden und Handeln.

 

Ich verstehe die Menschen nicht mehr.

Ich verstehe sie nicht mehr: Die Menschen in unseren Gemeinden, die meinen, alles könnte so bleiben wie es bisher ist und doch wahrnehmen müssen, dass die Gottesdienste immer weniger besucht werden, die Suche nach Mitarbeitenden immer schwieriger wird, die Bedeutung in die Gesellschaft hinein immer fragiler wird. Und doch fällt es so schwer, das Kirchturmdenken zu hinterfragen. Besitzansprüche, sei es finanzieller Besitz, den die Kirchenvorstände verwalten, sei es die pastorale Hoheit, auf denen die Gemeindegremien sitzen: Wie mühsam ist es, loszulassen, um sich auf Neues einlassen zu können?

 

Ich verstehe die Menschen nicht.

Die gläubigen Menschen, deren theologisches und geistliches Interesse immer unreflektierter wird. Und doch halten sie fest an einem starren Eucharistieverständnis  und meinen, eine Wortgottesfeier sei weniger geistlich als eine Eucharistiefeier. Da ist so viel Kreativität, wenn Frauen und Männer mit viel Liebe eine Wortgottesfeier vorbereiten, da steckt so viel persönliche Leidenschaft und Sehnsucht dahinter; und doch: sie brauchen sich nur die Besucher*innenzahlen der verschiedenen Gottesdienste anzuschauen; diese Zahlen sprechen Bände.

 

Ich verstehe die Menschen nicht.

Die priesterlichen Menschen, die durch Habitus und äußere Erscheinung meinen, sie würden auf diese Weise den Menschen Gott nahebringen können und kaum wahrnehmen, dass sie sich entfremden von den Lebenswirklichkeiten der Menschen. Und, ehrlich gesagt: ich finde es schlicht komisch, wenn so manche hohen Herren in ihren langen Gewändern daherkommen.

Für die Menschen da sein, das kann ich doch nur, wenn ich mit ihnen zu leben bereit bin. Stattdessen, geistert ein Denken durch die Priesterausbildungsstätten, dass ihnen was genommen würde, wenn Laien Mitverantwortung und Mitleitung übernehmen. Dazu ist dieses Wort „Laien“ so irreführend, weil damit gemeint sein könnte, nichtgeweihte Frauen und Männer seien weniger professionell als die Priester.

Die neuesten Berichte von Gesprächen mit deutschen Bischöfen und der Kurie in Rom in der vergangenen Woche sind so beschämend, wie dramatisch. Besessen sind die Römer geradezu von dem Gedanken: Laien könnten eine gleichberechtigte Mitverantwortung in der Kirche übernehmen.

 

Ich verstehe die Menschen nicht.

Ich verstehe mich selber nicht, dass ich es in dieser unbeweglichen Kirche, die ich nicht selten wahrnehme als einen verkrusteten Machtapparat, der nur noch sich selbst verwaltet, aushalte. Was hält mich, was hält die Vielen, die bleiben und sich nicht schweigend oder schleichend oder ganz offen zurückziehen? Es kann doch nur die Botschaft sein, oder besser noch: der Mensch Jesus.

 

Jesus hat recht. Menschliche Wärme, prophetisches Hoffen, gute Taten sind außerhalb des eigenen Lebensumfeldes, außerhalb der von der Kirche gesetzten Schranken, wirkkräftiger und nachhaltiger als im eigenen Dunstkreis. Diese Botschaft hält mich – Sie vielleicht auch. Diese Botschaft, die sich nicht einsperren lässt und deren Kraft sich darin erweist, dass sie den Menschen im Blick hat mit seinen Fragen und Sorgen. Eine Botschaft, die sich nicht erschließt im Auswendiglernen und Nachplappern, die sich vielmehr entfaltet in der Begegnung, im Austausch, im Ringen und Fragen und in der Gabe, sich einander zu stärken. Gott hat den unterwürfigen Ezechiel, wir haben es in der Lesung gehört, aufgerichtet. Auf Augenhöhe – so der Wunsch Jahwes – auf Augenhöhe möchte Gott den Menschen begegnen. Das sollte auch Maßstab sein in unserem Miteinander.

 

Mit dieser Botschaft wünsche ich Ihnen und Euch einen gesegneten Urlaub. Die Schule des Lebens mag brennen – um den Anfangsgedanken aufzugreifen; es mag an vielen Stellen unseres Miteinanders brennen. Aber es wird nichts verbrennen und verglühen, wenn wir die Botschaft Jesu nahe an uns herankommen lassen. Dann können wir uns – zumindest ab und zu – zurücklehnen und abschalten und ausruhen und uns des Lebens freuen.